Von der Schwierigkeit einer Meinungsbildung

Manchmal werde ich gefragt, wie es denn zu so einem Text kommt wie zum Beispiel diesem hier. Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Aber ich will mal versuchen, das zu erklären. Dabei kann ich nicht verschweigen, dass ich mit großem Interesse festgestellt habe, wie gerade in jüngster Zeit diese meine Methode um sich greift und das auch noch in Kreisen, von denen ich mir das nie hätte vorstellen können. Welche Kreise? Nein, das werde ich auf keinen Fall preisgeben, wo käme ich denn da hin!

Also. Es fängt damit an, dass ich eine Idee habe und eine Meinung formulieren will. Dabei gehe ich davon aus, dass dies von großem allgemeinem Interesse ist, weshalb ich es über alle (mir zugänglichen) Medien verbreiten will. Diese Meinungsbildung ist gar nicht so einfach, wie manche das meinen, aber hallo! Schon diese Sondierungsphase! Echt schwierig der Versuch einer Klärung, ob eine Fortsetzung der Überlegungen überhaupt sinnvoll ist. Mein eines Ego meint: aber ja, das ist ganz wichtig! Mein zweites Ego meint: eigentlich nicht, aber naja, ich sag's mal so: wir haben doch eine Verantwortung, das Volk erwartet das von uns. Es zieht sich nun alles furchtbar in die Länge, meine Selbstgespräche (zwischen den beiden Egos) finden und finden kein Ende - obwohl: oft kommt es dann vor, dass eines meiner Egos den Lindner macht (wie man das inzwischen so heiter formuliert), also die Klamotten hinschmeißt und sage: leckt mich doch am...oder so ähnlich. Damit ist aber der Meinungsbildungsprozess noch nicht zu Ende, oh nein! Da ist ja noch ein Alter Ego, das dritte also. Das hat zwar ganz am Anfang, schon vor Beginn der Sondierungen, gesagt, wir sind da nicht dabei, mach doch deine Meinungsbildung mit wem du willst, wir gehen in die Gegenposition, auch wenn das bekanntlich Mist ist.

Jetzt aber, wo die Geschichte zwischen Ego 1 und Ego 2 gescheitert ist, sagt das Ego 3: Naja, gut, irgendwie, wir haben ja auch eine Riesenverantwortung, es geht schließlich um eine Meinungsbildung und um sehr viel Geld (nicht zuletzt auch ganz persönlich). Und schon gibt es wieder Sondierungen. Die ziehen sich ebenfalls dahin und daher, aber dann, schon nach wenigen Wochen beschließen wir (mein 1. und mein 3. Ego), dass wir jetzt versuchen, noch näher zusammenzukommen und in die Kohabitations-Gespräche hineintreten. Da wird dann alles nochmals durchgekaut, was bei den Sondierungen gesagt wurde. Das Volk fängt an sich zu langweilen oder herumzunölen, ob es denn endlich bald eine neue Meinung gibt. Da fällt plötzlich dem Ego 3 ein, dass da doch noch einige Punkte nicht geklärt sind, aber Ego 1 wird ganz sauer und sagt, da wird nichts geändert, aber auch gar nichts!

Sehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, und jetzt sind wir an einem Punkt, wo ich selber nicht mehr weiß, wie das alles weitergehen soll. Habe ich mir nun bald eine Meinung gebildet? Kann ich vor Sie hintreten und sagen: dies sehe ich so und das völlig anders oder zumindest nicht ganz so, wie Sie das sehen oder vielleicht gern hätten. Aber weil ich es unverantwortlich finde, Sie noch weitere Wochen oder Monate so hängen zu lassen, ohne meine Meinung dargelegt zu haben, ist mir das jetzt egal, wie Sie das sehen, und entweder ich schmeiß das alles weg, was bisher gelaufen ist und frage Sie und mich, ob ich nicht vielleicht ein ganz anderes Thema wählen soll, für eine Meinungsbildung; oder eines meiner Egos sagt: ist zwar Quatsch, aber jetzt sag ich, was ich denke, und das ist dann meine Meinung, und wenn ihr sagt, das sei doch eine Minderheitenmeinung, dann sag ich, na und, wollt ihr vielleicht - äh, ja, was wollt ihr denn eigentlich? 

Verstehen Sie jetzt, wie kompliziert das ist, dieses Herstellen eines Textes? Was viele doch für eine ganz einfache Sache halten. Irrtum! Hier dieser Text ist ja das beste Beispiel dafür. Meinen Sie denn, das sei eine Meinung? Und wenn, von wem? Meinem Ego 1 oder meinem Alter Ego (der natürlich genau so alt ist wie der andere)? Egal. ich mach für hier und heute einfach Schluss. Tschö, bis zum nächsten Mal!

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Ceterum censeo Machismum esse delendum. (frei nach Cato dem Älteren) Auf gut deutsch: Ich denke übrigens, dass der Machismus endlich vernichtet werden muss.

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