Nichts war weg.

Hurra, Halleluja! Nichts war verschwunden, jetzt ist nichts wieder da! Mehr als sechs Monate mussten wir alle, Männer und Frauen, Jungs und Mädchen, Linke und Rechte und vor allem ich auf nichts verzichten. Warum? Ein technisches Problem. Sagt sich so leicht. Und beantwortet alle weiteren Fragen.  Wie derzeit nicht nur bei der Deutschen Bahn, sondern auch bei der Kölner S-Bahn. "Der nächste Zug der Linie 6 hat 60 Minuten Verspätung... Der nächste Zug der Linie 11 fällt aus... Der übernächste Zug fährt nur bis Hansaring...Nehmen Sie doch einfach ein Taxi". Schuld ist jedes Mal ein technisches Problem. 

Auch für das Verschwinden von Nichts gab es garantiert ein technisches Problem. Wie oft habe ich in diesen Monaten daran gedacht, schade, darüber könnte ich doch jetzt ganz schön was schreiben: was der Trump da wieder geliefert hat, oder wie sich der Merz blamiert hat, oder was für ein unsympathisches Dickerchen der Klingbeil geworden ist... oder was der Jens Spahn schon immer war... oder überhaupt noch nie... oder was der Lindner fälschlicherweise zu sein glaubt. Wundervolle Themen, um etwas darüber zu schreiben. Aber nichts war weg.

Aber jetzt habe ich mein nichts wieder. Und zu was für einem schönen Zeitpunkt. Pünktlich zu einer Zeitenwende. Die letzte hatten wir 2022 im Februar in der Rede von dem zumindest historisch begabten Bundeskanzler Olaf Scholz. Nach dem Überfall von Russland auf die Ukraine. Jetzt 2026, nach dem Überfall der USA auf Venezuela hat... Nein, Bundeskanzler Merz hat nicht von einer Zeitenwende geredet. Der sieht wahrscheinlich gar keine Zeitenwende. Der denkt noch, ob er warten soll, bis Trump seine ICE nach Deutschland schickt, um in den Großstädten Demonstrationen gegen die AfD aufzulösen und ihre Organisatoren nach New York zu bringen, vor Gericht. Aber auch dann wird Merz wieder sagen, das sei äußerst komplex, er wolle erst mal mit Trump telefonieren, aber bisher sei er nicht durchgekommen, es werde immer gleich aufgehängt. Das ist übrigens nicht der einzige Komplex von Merz.

Dann rede eben ich von einer Zeitenwende. Was heißt das überhaupt, Zeitenwende? Das Internet antwortet: Zeitenwende beschreibt einen fundamentalen Wandel oder den Beginn einer neuen Ära in der Geschichte, der tiefgreifende Veränderungen bewirkt. Genau. Nicht nur Putins Verbrechen durch den Überfall auf die Ukraine, auch was Donald Trump uns alle paar Tage beschert, ist ein fundamentaler Wandel der Politik der USA. Weg von der Demokratie, die seit 250 Jahren bestand, hin zu einer Autokratie, weiter zu einer Diktatur. Ganz offen und öffentlich, die einzelnen Schritte tanzt Trump der Welt vor. Und Europa tanzt mit. Da will keiner aus der Reihe tanzen. Viele Kommentatoren und Leitartikler sehen das und sind, naja, nicht gleich begeistert, aber doch überzeugt. Weil das eben wieder mal alternativlos sei, so wie das ja Kanzlerin Merkel oft für einzelne Schritte ihrer Politik erklärt hat. Allenfalls wenn ein ICE-Gangster in Minneapolis eine junge Frau abknallt und Trump ihm dafür den Titel "Held" verleiht; oder wenn Trump den Staatschef von Venezuela von seinem Militär kidnappen lässt und dabei rund 100 Menschen gekillt werden; oder wenn er seine gierigen Wurstgeldfinger nach Grönland ausstreckt, und dabei mit Krieg droht - dann gibt es schon mal den einen oder anderen gedruckten oder gesendeten Aufschrei. Aber nur ein paar Tage lang. Weil dann Trump ja schon die nächste Schweinerei liefert. Wo man schnell wieder überlegen muss, ob man aufschreien muss oder ob das vielleicht auch wieder komplex ist.

Apropos Zeitenwende. Wir haben in der BRD auch eine. Wenn mir jemand in den sechziger oder siebziger Jahren vorausgesagt hätte, was heute ganz real ist, ich hätte gesagt: ja, gut, beziehungsweise verdammt schlecht, die NPD hat es zwischen 1966 und 1969 in 11 Landtage geschafft. In Baden-Württemberg 1968 sogar mit 9,8 %. Aber in den Bundestag kam sie nie, vor der Neuvereinigung. Auch andere rechtsradikale Parteien nicht, die Republikaner zum Beispiel. Und heute? Mit 20,8 % zieht die AfD in den Bundestag ein. Die AfD ist die größte Opposition. In den letzten Wochen haben sich die CDU/CSU und die AfD im Wechsel auf dem ersten Platz in den Umfragen abgelöst. Diese AfD - offenbar muss immer hinzugefügt werden, "die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird"; so kann der Autor oder die Autorin immer erklären, sie selbst hätten ja nur zitiert und nicht ihre eigene Meinung zum Ausdruck gebracht - dass diese AfD also bei der nächsten Bundestagswahl an die Regierung gerät, kann man nicht mit Sicherheit ausschließen. Wenn das keine Zeitenwende ist...
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Zum Abschluss für heute noch etwas eher lustiges: so ähnlich wie zurzeit hatten wir auch 1978 eine Wirtschaftsflaute. Und auch damals versicherte die Bundesregierung (das Kabinett Helmut Schmidt), sie tue alles, um ganz schnell für den Aufschwung zu sorgen. In meinem Bühnenprogramm hatte ich damals ein Lied dazu, der Text:

Ob er aber über kurz oder lang,  
ob er aber über lang oder kurz,
aber überhaupt ned kommt is ned gewiss.

Die Musik dazu hatte ich mir ausgeliehen von dem schönen bayerischen Liadl "Oba aba üba Ommerammergau, oba üba Unterammergau, oba aba überhaupt net kimmt, is ned gewiss". 
Mit meinem Text hören kann man das auch heute noch. Auf meiner LP "Du lässt dich gehn, ach...", damals lange Zeit mein Spitzenreiter und beim Publikum. Bei ebay ist sie noch mehrfach zu kriegen. Da sind auch andere schöne Lieder drauf, zum Beispiel "Mensch Mädchen". Oder "Artikel 12 GG".