Ernsthaft komisch

Wahrlich ich lebe in spannenden Zeiten! Immer wieder geschehen Dinge, die mich fassungslos machen. Oder zumindest sehr überraschen. Und äußerst nachdenklich werden lassen. Weil ich mir das, was da passiert, bei aller mir zur Verfügung stehenden Fantasie nicht vorstellen konnte.

Zum Beispiel: Trump. Als der zum Präsidenten der USA gewählt wurde, war ich fassungslos. Und bin es immer noch. Fast täglich neue Nachrichten zur Bestätigung. Zu der laufenden Ukraine-Affäre kommt ganz aktuell der Rückzug der USA aus der Grenzregion Syrien/Türkei. Ein weiterer Grund für einen möglichen Krieg. Deprimierend, all das.

Aber ab und zu werde ich auch wieder ganz fröhlich. Zum Beispiel: Jan Böhmermann wird neuer SPD-Chef! Und dann auch bald Kanzler. Kein Witz, es ist eine nicht unmögliche Möglichkeit. Der SPD ist (inzwischen) alles zuzutrauen. Sogar dass sie wieder eine Wahl gewinnt. Mit Böhmermann als Spitzenkandidat. Auch den deutschen Wähler*innen ist (inzwischen) alles zuzutrauen. Siehe die Wahlergebnisse in Sachsen und Brandenburg. Und, wer weiß, vielleicht schreibt Böhmermann dann auch für Trump so ein schönes Gedicht wie für Erdogan.

Einzelfälle? Aber nein! Dass Satiriker, Komiker, Alleinunterhalter, Schauspieler, Clowns, Narren eine politische Karriere machen, ist heute fast normal.

Schon Berlusconi war mal Sänger auf Kreuzfahrtschiffen und in Nachtclubs. Die an der Regierung in Italien beteiligte Partei Movimento Cinque Stelle wurde gegründet von Beppe Grillo. Der war Satiriker – eine Art Prä-Böhmermann in Italien. In der Ukraine ist Wolodymyr Selenskyj Staatspräsident , ein ehemaliger Schauspieler, der auch eine Kabarett-Truppe gegründet hat. Kein Wunder, dass er sich mit Trump gut versteht. Nicht zu vergessen Boris Johnson. Ich bin sicher, dass Rowan Atkinson (Mr Bean) ganz neidisch wird, wenn er ihm zuschaut.

In der Bundesrepublik gibt es weitere Beispiele. Der „deutsche Satiriker“ (Wikipedia) Martin Sonneborn sitzt für die von ihm gegründete DIE PARTEI im Europa-Parlament, der „deutsche Kabarettist“ (Wikipedia) Nico Semsrott ebenso. Wenn alles so weitergeht, kommt Ursula von der Leyen nicht drum herum, einen der beiden in ihre Kommission zu berufen.

Meine Frage: wie wäre das umgekehrt? Also dass ein Politiker zum Clown, Satiriker, Narr, Kabarettist oder Schauspieler wird? Nein! Nicht alle sind bereits in einen der genannten soliden und ehrenwerten Berufe übersiedelt. Bemerkenswerter Vorprescher ist Peer Steinbrück (genau, der mit der Fahrradkette). Der SPD-Politiker tourt mit dem Kabarettisten Florian Schroeder durchs Land. Mit mehr Erfolg als zuletzt in seinem früheren Job.

Weitere Frage: welches Können, welche Vorbereitung auf ihren neuen Job bringen Politiker mit? Bei Steinbrück ist das noch leicht zu beantworten: er hat von Grund auf Komik, Satire und Schauspielerei gelernt, als Staatssekretär, Landesminister, Ministerpräsident, Bundesfinanzminister und schließlich Kanzlerkandidat der SPD (2012-13).

Das lässt hoffen auf weitere Berufswechsel dieser Art. Erste beeindruckende Leistungen weisen Gerhard Schröder und Joschka Fischer auf. Dass man von letzterem nichts mehr sieht, hört oder liest hat sicher damit zu tun, dass er die Öffentlichkeit nicht vorzeitig zum Lachen bringen möchte. Vielleicht träumen die beiden ja auch von ähnlichen Erfolgen wie dermaleinst Dick und Doof.

Aber auch der Herr Scheuer und Rudolf Scharping wecken Erwartungen. Oder Bernd – Verzeihung: Björn – Höcke hat bereits Fähigkeiten als trauriger Narr erkennen lassen. In dem berühmten ZDF-Interview hat er gesagt: „Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande. Könnte doch sein.“ Das ist ja dann ganz falsch interpretiert worden. Das war keine Drohung gegen den Interviewer. Er hat nicht gemeint, dass er vielleicht mal sowas wie ein Führer werden könnte. Er meinte seine Erwartung, demnächst den deutschen Comedypreis zu bekommen, für große Leistungen auf dem Gebiet der Kleinkunst.

Ein letztes Beispiel: wie wäre es, wenn Horst Seehofer und Angela Merkel eine Karriere als neues Duo im Stil von Karl Valentin und Liesl Karlstadt machen würden? Dann hätten sie bestimmt auch weiterhin volle Säle. Und rauschenden Beifall überall, in Ost und West, in Sachsen wie in Bayern.

Überhaupt bin ich überzeugt, das deutsche Publikum würde bei all diesen Ex-Politiker*innen rasen vor Begeisterung. Ich auch. Und es würde mir über die eingangs erwähnten Phasen der Fassungslosigkeit und erschütternden Überraschungen hinweghelfen. Zumindest für ein paar Augenblicke.

PS: Passende Ergänzung: wenn Sie mal an einem Abend hintereinander die TV-Sendungen Tagesthemen und Die Anstalt (ZDF-Sendung) anschauen – wo erfahren Sie die wirklich wichtigen Zusammenhänge, gespickt mit Daten und Namen? Kleine Entscheidungshilfe: Die Anstalt ist eine Satiresendung…

Echt preiswert!

Manchmal ist es ja doch ganz gut, wenn man öfter Nachrichten hört. Man kann da echt was lernen.Ich hab gerade ein neues Wort gelernt: bepreisen. Bisher kannte ich nur lobpreisen, aber das ist was völlig anderes. Lobpreisen tut man(n) den Herrn seit Jahrhunderten (ihr wisst, wen ich meine, den mit den zwei großen Anfangsbuchstaben). Bepreisen tut man gerade, seit kurzem jedenfalls, das CO2.

Wie weit sie damit kommen, die Politiker und die Politikerinnen – auch die, natürlich, das ist ja sogar fast sowas wie ein Anliegen auch von der Frau Merkel, dieses Bepreisen – also wie weit sie damit zur Rettung der Erde vor dem Klimawandel kommen bis nächsten Freitag, 20. September 2019, das weiß ich nicht, das weiß kein Mensch. Aber ich weiß was anderes: ich hab letzte Nacht eine Idee gekriegt, und die will ich jetzt erst mal patentieren lassen und dann vermarkten: man sollte unbedingt, finde ich, die politikmachenden Menschen bepreisen.

Ach, interessant, oder?

Wie das gehen soll? Na, ganz einfach, so wie das Bepreisen des CO2. Die Betroffenen bzw. Betreffenden, die kaufen sich einfach Gutscheine, die sie berechtigen, so viel an falschen Versprechungen, Geschwafel, Lügen und Unsinn zu reden, wie sie vorhaben, in den nächsten Zeiten, sagen wir: bis zur nächsten Wahl. Und dann kann er – oder sie – so viel von diesem ganzen Zeugs ausstoßen und in die Luft blasen wie er – oder sie – will. Und wenn eine(r) dann weniger rausgelassen hat als vorgesehen, hat er ja Gutscheine übrig, mit denen gehandelt werden kann. Weil ein anderer, der mehr posaunt hat oder trompetet oder gebrüllt oder getrommelt und gepfiffen, weil der ja dann weitere Gutscheine braucht.

Hier ein Beispiel

So könnte etwa der Herr Scheuer, nachdem er z.B. gerade mal wieder bei Anne Will war, ganz viel Gutscheine brauchen, weit mehr als er sich zugelegt hat, und z.B. der Herr Habeck hätte vielleicht noch welche übrig. Und die könnte er dann an den Herrn Scheuer verscheuern. Davon würde nicht nur der Herr Habeck profitieren. Das Ganze hätte auch einen wunderbaren und äußerst marktwirtschaftlichen Effekt, weil dadurch ganz viel Geld in das Staatssäckel flösse. Das könnte man dann einfach unter die deutschen Menschen verteilen, z.B. könnte man so die Grundrente ganz leicht finanzieren, was ja immer von der CDU und der FDP bestritten wird. Nur aus Finanzgründen natürlich.

Die Probleme

Eine tolle Idee, finde ich! Ihr doch auch, hoffe ich. Aber leider, leider wird es ihr ergehen wie so vielen anderen tollen Ideen, zumal in der Politik. Da wird eine riesige Diskussion losgehen, in den Talkshows werden sich die männlichen wie weiblichen Teilnehmer streiten, sogar anbrüllen, egal woher sie kommen, aus der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, der Religion usw. In den Zeitungen wird ebenso heftig diskutiert werden. Und der Shitstorm wird an Intensität und Schäden sogar noch den Hurrikan Dorian in den Schatten stellen (wenn dieses Bild nicht irgendwie nicht so richtig stimmt, ähm).

Und nach spätestens ein paar Wochen ist klar, wie es meiner tollen Idee gehen wird: da wird mal wieder NICHTS draus. Wie übrigens auch der Idee, den Klimawandel noch verhindern zu können, mit der CO2-Bepreisung. 

Schade eigentlich.

Schöne Aussichten

In die Zukunft blicken Propheten. Die berufen sich gewöhnlich auf den einen oder anderen Gott. Auf Göttinnen wesentlich seltener, wenn überhaupt. Die gelieferten Prophezeiungen sind meist etwas Gewaltiges, Visionäres. Das ZDF ist da bescheidener. Im HeuteJournal liefert es, am Ende der Sendung vom Freitag, Ausblicke. Geschrieben: „aus:blicke“. Sonst verstehen die nicht unvorhandenen jungen Zuschauer*innen das nicht, und die normalen ZDF-Zuschauer*innen, die zwischen 58 und 94 oder darüber, verwechseln es mit Einblicken (also „ein: blicken“). Die gibt es im HeuteJournal nicht immer.

Um im aus:blick erwähnt zu werden, muss das Ereignis schon eine gewisse Bedeutung haben. Bloß die Eröffnung der alljährlichen Wagnerfestspiele in Bayreuth reicht da nicht, ebenso wenig die Vereidigung von AKK als neue Verteidigungsministerin.

Oder vielleicht doch? Wie am 20. Juli 2019? Was macht denn diese beiden Ereignisse so aus:blick-würdig?

Richtig: es ist das Sommerloch. Also nicht die „Ortsgemeinde im Landkreis Kreuznach“ (Wikipedia). Sondern jene Zeit, in der für die armen Journalist*innen nix Gewaltiges oder Visionäres zu berichten gibt. Wer weiß: vielleicht wäre z.B. auch der Beginn des 1. Weltkrieges im Sommerloch verschwunden.

Apropos Krieg. So den ganz genauen Zeitpunkt seines Beginns weiß niemand, vermutlich nicht einmal der sonst doch allwissende Herr Trump, also wann er mit dem Krieg gegen den Iran beginnt. Das weiß man bei US-Präsidenten ja nie so ganz genau. Aber dass erfahren wir schon vorher. Und auch den Grund können wir uns denken. Das ist meist ein ganz anderer als offiziell behauptet und von den Medien (auch unseren) verbreitet wird.

Und das führt uns wieder zurück zu den aus:blicken. AKK hat sich gleich zu Beginn ihrer neuen Karriere selbst geadelt: sie hat versprochen, die Rüstungsausgaben ganz ungeheuerlich zu erhöhen. Auf 2 % des Bruttosozialprodukts. Dazu haben sich, auf den herzlichen Wunsch des eben schon erwähnten Herrn Trump, alle NATO-Staaten verpflichtet. Für 2024.

Wir Deutschen sind da erst bei etwas mehr als lächerlichen 1,2 %. Das sind bloß läppische 45 Milliarden Euro. So steht es im Regierungsentwurf für 2020. Wie sollen wir uns denn damit gegen einen Angriff verteidigen!? Der doch jederzeit möglich ist! Von wem? Also bittesehr: wenn Sie das nicht wissen, ist Ihnen nicht zu helfen, aber echt! Ähm… ich weiß es leider auch nicht.

So viel also zum aus:blick auf die Politik der neuen Verteidigungsministerin. Was wir von ihr erwarten dürfen, nach ihrer Vereidigung. Um es mal so auszudrücken: die ehrenvolle Vereidigung führt zu einer hoffnungsvollen Verteidigung. Leider erst 2024, aber immerhin. Bis dahin sind wir schutzlos!! Weil wir zu wenig Geld für neue Rüstungsausgaben haben. Deshalb müssen wir mächtig sparen.

Mein Vorschlag dazu: die Wagnerfestspiele abschaffen. Das eingesparte Geld in die Reparatur der kaputten Panzer und Hubschrauber stecken; vielleicht auch in das eine oder andere Regierungsflugzeug. Das wäre doch immerhin mal ein Anfang!

Für mich wäre das auch ein erfreulicher aus:blick. Ob auch für das ZDF? Weiß ich doch nicht!

Dies ist, wie manche schnell gemerkt haben, ja ein rück:blick. Aber das Prinzip bleibt uns noch eine Weile erhalten. Also die nach:richten im sommer:loch. Guttennabend, Herr Kleber.

Hat sie wirklich NICHTS?

Grund zum Zittern (1)

Sie hat gezittert. Schon zum dritten Mal. Was hat sie nur, die Kanzlerin? NICHTS hat sie, sagt sie. Wirklich? Wie schön! Das hätte ich nie gedacht! Ich habe sie doch gar nicht im Verteiler. Ich kenne noch nicht mal ihre Email-Adresse.
Sie hat NICHTS, also geht es ihr gut. Sagt sie. Sie sei, das habe sie neulich schon mal gesagt, in einer Verarbeitungsphrase – äh, nein:„Verarbeitungsphase der letzten militärischen Ehren mit dem Präsidenten Selenskij“. Also nicht – wie es hieß – der Wassermangel bei der großen Hitze, sondern die letzten militärischen Ehren haben sie zum Zittern gebracht. Und das ist nun „offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen“. Sagt sie.

Man ist besorgt. BILD und der Kölner EXPRESS heute in Riesenbuchstaben auf den Titelblättern. Aber nicht nur die. „Wie geht es Ihnen?“ Fragt etwa eine finnische Journalistin in der Pressekonferenz. „Die Leute machen sich Sorgen um Ihre Gesundheit.“
Angela Merkel reagiert wie es in Italien der Brauch ist (und inzwischen in Deutschland vielleicht auch). Die Frage: „Wie geht’s?“ löst die pistolenschnelle, alle weiteren Fragen niederbügelnde Antwort aus: „Gutt, Gutt! Sehr gutt! Warum??“ Im Kanzlerinnenoriginalton: „Sehr gut und man … äh, muss sich keine Sorgen machen.“ 
Also ich glaube das einfach nicht! Die Kanzlerin schon, sie hat gesagt: „Ich glaube, dass es so, wie es gekommen ist, eines Tages auch vergehen wird. Aber es ist noch nicht so weit“. 
Ach! Jetzt verstehe ich! Dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist, lag an diesen militärischen Ehren. Und wenn diese militärischen Ehren dann mal verschwinden, weil es wirklich die letzten waren, ist es auch so weit, dass Angela Merkel nicht mehr zittern muss.

Ich auch nicht, Gottseidank!

Grund zum Zittern (2)

Grund zum Zittern habe ich derzeit schon noch. Und auch das hat mit Militär zu tun.
Nicht so direkt mit den Ehren. Sondern, im Gegenteil, mit dem Trump. Ich müsste eigentlich dankbar sein, weil es mir bei dem, was der da schon wieder abliefert, eiskalt den Rücken hinunterläuft. Angesichts der andauernden Superhitze doch ein Labsal, eigentlich.  
Aber ich vergesse trotz Hitze und Labsal nicht, was Trumps Vorgänger George W. Bush geliefert hat: einen Irak-Krieg (2003). Und was für einen! Damit wollte er seinem Daddy imponieren, der den ersten Irakkrieg gestaltet hat (1990 - 1991). Der kleine Georgi hat gezeigt, dass man noch nicht einmal die Genehmigung des UN-Sicherheitsrats braucht, wie der Pappi. Ich hab damals ja gedacht, den kleinen George W. kann keiner mehr untertreffen, nicht nur was Kriege angeht. Dann kam Trump. Und - wer weiß - kommt jetzt ein Irankrieg?
Ich habe fast jedes Mal gezittert, wenn der Trump wieder was getwittert hat. Oder geschwätzt. Das Militär hat der Donald gerade über und über zugeschüttet mit verbalen Ehren, am 4. Juli. Und er sagte: „An die Jugend unseres Landes: Jetzt ist die Chance, sich der Armee anzuschließen und etwas wirklich Großartiges mit eurem Leben zu machen."
Wie meint er das? Ich mag gar nicht daran denken, was da noch so alles kommen kann, bevor ich nicht mehr zittern muss.

Grund zum Zittern (3)

Den hat derzeit Ursula von der Leyen. Sie fiebert undemokratischen Ehren entgegen. Nun gut, wenn am nächsten Dienstag das europäische Parlament sie zur Kommissionspräsidentin wählt, ist das nicht ganz undemokratisch. Nur: dass das EU-Parlament überhaupt in diese Situation gekommen ist, hat mit Demokratie wenig, wenn nicht sogar nichts zu tun. Sondern mit Gemauschel. Und Geschacher. Also mit Diplomatie. 
Jetzt aber sind sie alle, die Kommission, das Parlament, die 27 Regierungschefs der EU, die sind ab jetzt in der Verarbeitungsphase der letzten demokratischen Ehren. Und das kann sich noch hinziehen, lange, sehr lange. 
Doch da müssen wir uns keine Sorgen machen, denke ich, um Europa: ich glaube, dass es, so wie es gekommen ist, eines Tages auch vergehen wird. Aber es ist noch nicht so weit.

Das weiß auch Ursula von der Leyen. Und deshalb hört sie ganz schnell auf zu zittern. Ab nächsten Mittwoch. Aber keine Sorge: neue Zitterpartien gibt es ganz bald und genug. Auch ohne Jogi Löw, irgendwann.

NICHTS zu machen ist nur eine Möglichkeit

Angesichts der aktuellen Lage sagen viele: da ist eben nichts zu machen, leider, also ich - allein! - was soll ich denn tun? Gegen Trump? Gegen Bolsonaro, gegen Orban, gegen Salvini, gegen Le Pen, gegen die AfD? 

Als ich meine Eltern fragte, warum die Nazis so viel Erfolg hatten, warum sie schließlich sogar die Macht ergreifen, den Weltkrieg entfesseln, die KZs errichten konnten? Und was sie und ihre Freunde denn zu den Judenverfolgungen, den Kommunistenverfolgungen, den Schwulenverfolgungen, den Zigeunerverfolgungen gesagt haben, sagten sie: Was hätten wir denn tun sollen? Da war doch nichts zu machen.

Ich meine, das hat nie gestimmt. 1980 habe ich dazu dieses Lied geschrieben:

DAS HAB ICH NICHT GEWOLLT

Zu diesem Thema hier noch ein Text des Schriftstellers Wolfgang Borchert, entstanden kurz vor seinem Tod 1947:

SAG NEIN!


KEINE ZEIT FÜR NICHTS

Mit Blick auf die Rente freut die Menschen bekanntlich vor allem, dass sie dann endlich Zeit haben. Zeit für alles Mögliche, wozu sie vorher keine Zeit haben. Ich bin Rentner, aber ich habe keine Zeit. Auch keine Zeit für NICHTS. Dabei gibt es so vieles, was eines NICHTS wert wäre. Zum Beispiel ein launiges Wort über das britische Parlament (übrigens nicht - wie oft fälschlich behauptet - das älteste der Welt, das ist nämlich das Althing, das Parlament von Island). Statt, wie derzeit üblich, das Unterhaus zu kritisieren oder gar zu verspotten, sollte man es lieber bewundern dafür, dass es diesen schrecklichen Brexit mit dem gebotenen Ernst in bisher 215 Sitzungen berät und nicht einfach durchwinkt wie das andere Parlamente, ich vermute: auch der deutsche Bundestag... - Moment, Augenblick! Mein Telefon klingelt!

...Hallo!... BItte? Ach Gott, ja, die Rechnung... nein, nein, ich bin nicht zahlungsunfähig, ich habe nur... bitte? Nein! Ich hab das einfach vergessen! Ich hab so viel um die Ohren... hallo? Halloooo???!!... aufgehängt, Frechheit"!... Aber gut, wo war ich stehengeblieben. Tja, vergessen.

Egal. Es gibt... - Moment, jetzt fällt es mir wieder ein, der Brexit. Wie ich eben erfahren zu haben behaupte, haben die 27 Staatschefs der EU mit Frau May eine weitere, fantastische Abmachung getroffen, auf Vorschlag von Frau Merkel: für die endgültige Entscheidung in der Brexitfrage hat Großbritannien nun ein Verlängerungsabonnement. Das heißt, wenn zu dem jeweils vereinbarten Termin, an dem irgendeine Art Austritt stattfinden soll, keine Entscheidung getroffen wird, verlängert sich das Abo automatisch um 6 weitere Monate...

...Moment, da kommt gerade eine Email an... bin gleich... Nein! 
Warten Sie   doch, ich bin gleich wieder... Achso, ist ja wieder bloß eine Werbung. Ich soll herausfinden, was eine sichere Alarmanlage für unser Haus hier  kostet. Genau so blöd wie die Zahnzusatzversicherung vorhin. 

Sind Sie noch da? Wie schön! Eine weitere, besonders NICHTSwürdige Sache: die wahnsinnig eindrucksvolle Politik des deutschen Verkehrsministers (das Wortspiel "be-Scheuer-t" wird inzwischen so oft verwendet, dass ich es hier weglasse). Der Herr Minister hat sich zum Beispiel im vergangenen Jahr 15mal mit Vorständen deutscher Automobilkonzerne getroffen. Bitte? Na, ich bitte Sie! Was ist daran denn auszusetzen? Das sind nun mal die kompetentesten Fachleute - genauer: Fach-Männer, Frauen dürfen ja heute auch den Führerschein machen, ohne die Genehmigung ihres Ehemannes, wie das bis 1958 der Fall war; aber das ist auch schon alles, was sie vom liebsten Spielzeug deutscher Männer wirklich verstehen. Kein Grund also auch für das Genöle, dass der Herr Scheuer sich kein einziges Mal mit Vertretern von BUND, Nabu, Greenpeace, WWF oder Umwelthilfe getroffen hat. Die verstehen vielleicht was, vielleicht!, von Windenergie oder Bienen (von welchen übrigens die Herren der Automobilkonzerne mindestens genau so viel verstehen, wie die Abrechnungen ihrer diversen Termine... - Verdammt! Es klingelt schon an der Tür...

Wer ist denn das schon wieder!...Achso, ja, der bestellte Klempner, das Klo unten ist seit gestern... Guten Tag! Buon giorno signore... vengo subiteo!

Verzeihung, ich muss wieder kurz unterbrechen, dauert nicht lange, der Mann ist toll, ganz schnell und effektiv, und... aber ich muss nach unten und ihm erklären... Bin gleich zurück! Ganz sicher, ganz sicher!

...  ... ...

So, da bin ich wieder. Tut mir Leid, hat doch länger gedauert. Also, was mindestens genau so wichtig ist wie unser freundlicher und äußerst kompetenter Klempner, das ist der Herr Meuthen von der AfD, der meistens eher das von sich gibt, was dann den Ruf nach einem Klempner erforderlich macht. Wer weiß, was dieser für die extremen Rechte(n) der Menschen in ganz Europa kämpfende und absolut unbestechliche, einzig saubere deutsche Politiker, was der also wieder so abgekungelt hat, beim Treffen neulich mit seinen Gesinnungskameraden, zu dem der Matteo Mussolvini, sein Kumpan (italienisch: compagno) von der Lega eingeladen hatte.
Inzwischen ist ja auch geklärt, dass die AfD zum Beweis ihrer Sauberkeit und Unbestechlichkeit 400 000 € spenden will. Ja, ja, ich weiß: von böswilligen linksversifften Zungen wird behauptet, das sei ein Bußgeld, von der Bundestagsverwaltung festgelegt; Grund: Unsauberkeit und Bestechlichkeit der Partei. Aber das kann ich gar nicht glauben! So seriös wie sie auftreten und aussehen, der nette Opa Gauland oder die reizende Dame Weidel...

Hallo... hallo - ja, ja ja, ich komme. Ist ja höchste Zeit zum Kochen, das Essen muss um halb 8 fertig sein. Ich komme, ich komme!

Weil hinterher die Tagesschau, und danach gibt es diese Doku über den Missbrauch in der katholischen Kirche. Und dann die Talkshow Anne Will, Thema "Die Macht der Rüstungsindustrie". Also dann, bis morgen...
Moment! Morgen? Himmel, ausgeschlossen, das geht überhaupt nicht. Da muss die Werkstatt aufgeräumt werden, dort sieht es aus wie im SPD-Programm für die Wahlen in den Bundesländern im Osten. Im Osten der Bundesrepublik natürlich. Und einkaufen muss ich auch noch, kein Obst im Haus, keine Milch, keine Eier...
Also eben übermorgen. Vielleicht nach dem Treffen mit unseren Freunden und Freundinnen in diesem netten Restaurant. 
Am Mittwoch? Nee, da hab ich den Termin beim Oculista, mal wieder einen Sehtest machen. Ach Gott, ja, hätte ich beinahe vergessen: die Waschmaschine verliert Wasser, da muss ich...
Vielleicht am Wochenende, könnte sein, dass ich da nichts zu tun habe und endlich mal wieder NICHTS machen kann. Wäre doch...

Verdammt! Schon wieder  ! Irgendwann schmeiß ich das Ding... Hallo!? Pronto? - Ach duu!! Das ist aber nett, dass du dich mal wieder meldest! Äh, sag mal... im Moment ist es... ist es - kann ich dich zurückrufen? Sagen wir: heute Abend zwischen 11 und Mitternacht? ...Bitte? Waaaas? Notre Dame brennt??? Oh Gott, oh Gott! Ja, ich mach sofort den Fernseher an, klar! ... Ja, in den nächsten Tagen... ich ruf dich zurück... Versprochen! Ciao, ciaociaociao!

Ach ja, und natürlich: fröhliche Ostern allerseits!

 

NICHTS da

Vor kurzem hat Wolfgang Schäuble, der zu seinem Glück nicht wegen Meineids vorbestrafte aktuelle Bundestagspräsident gesagt, die Reichen sollten ihren Reichtum nicht zur Schau stellen. Er fand es auch nicht in Ordnung, dass sich Franck Ribery (das ist irgend so ein Fußballspieler) empörte, weil ihm vorgeworfen wurde, dass er in Dubai ein blattgoldverziertes Steak für 1.200 Euro verzehrt hatte. Er gab es den "Neidern, den Hatern..., die bestimmt durch ein gerissenes Kondom auf die Welt gekommen sind. F***t eure Mütter, eure Großmütter und auch euren Stammbaum." 
Aber zum Glück gibt es ja auch vernünftige Menschen, die das nicht so krass sehen, die haben dem armen Ribery Recht gegeben, zum Beispiel so ein Herr von der FDP.
Recht so! Ein so wichtiger Zeitgenosse wie Monsieur Ribery, der sicherlich durch einen planmäßigen Geschlechtsverkehr zur Welt kam, darf sowas. Und wo kommen wir denn hin, wenn ein Mensch nicht mehr zu dem stehen darf, was für ihn das Wichtigste ist - eben Geld? Und was er damit macht? Menschen von der untersten Sozialebene dürfen doch auch rumposaunen, dass sie unter der Brücke schlafen und ihr Einkommen durch das Sammeln und Einlösen von Flaschenpfand verdienen, oder!?

Außerdem ist der Stolz auf Reichtum ja auch ein Faktor, der international anerkannt wird. So etwa: Europas größter AutobauerEuropas größter Autobauer Volkswagen hat den Gewinn 2018 trotz Belastungen durch Dieselkrise und Abgasskandal gesteigert. Das operative Ergebnis vor Sondereffekten kletterte auf 17,1 Milliarden Euro, wie die Wolfsburger kürzlich nach einer Aufsichtsratssitzung mitteilten. Im Vorjahr hatten 17,0 Milliarden zu Buche gestanden. Analysten hatten dieses Mal im Schnitt mit einem etwas niedrigeren Betriebsgewinn gerechnet. Die Rendite lag bei 7,3 (Vorjahr: 7,4) Prozent am oberen Ende der von Volkswagen prognostizierten Spanne von 6,5 bis 7,5 Prozent. Der Konzernumsatz kletterte um 6,3 Milliarden auf 235,8 Milliarden Euro. Darüber freut sich nicht nur der Konzern, auch der frühere Chef Winterkorn, dessen Rente sicherlich auch wieder steigen wird, so dass er nicht mit den paar schäbigen Millionen Abfindung auskommen muss wie bisher.

Und all das kritisiert nicht nur der Herr Schäuble nicht, auch die Frau Bundeskanzlerin Merkel lobt die deutsche Autoindustrie für ihren zur Schau gestellten Reichtum Jahr für Jahr. Und das nicht nur deswegen, weil sie dafür auch immer wieder nette Spenden bekommt.

Die uns regieren sind überhaupt mit guten Beispielen nicht geizig. Da haben doch kürzlich BMW und Mercedes beschlossen, zusammenzuarbeiten, u.a. um mit Künstlicher Intelligenz ihre Modelle der Zukunft attraktiv zu machen. Ich erwarte nun, dass sich in weiterer Kürze auch die Ministerpräsidenten der beiden Bundesländer, Baden-Württemberg und Bayern, diesem Vorbild anschließen. Das heißt, dass der Herr Kretschmann (liebevoll "unser Kretschele" gerufen) und sein Kollege, der Herr Söder ("Franken-Bazi") gemeinsam ein Programm entwickeln, das die Natürliche Dummheit ihrer Wähle*innen auf Dauer festigt.

Erfreulich ist auch, dass die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, die Frau Klöckner, nicht nur als Weinkönigin vorbildlich ist, sondern auch durch einfache, aber wichtige Hinweise an das deutsche Volk. Gerade denkt sie über einen weiteren Tipp nach: Ich weiß nicht, ob es unsere Mitbürger wissen: Es ist sehr angenehm und wirkt gebildet, wenn man mit Messer und Gabel isst. Ich selbst betreibe das seit ein paar Jahren und bin hoch zufrieden damit.

Ich auch, Frau Klöckner, ich auch!
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Und ich bleibe natürlich dabei:

Wenn ich früher gesagt habe, 
ich sei Marxist,
habe ich Hass geerntet, Mitleid, Spott.
Heute erlebe ich das Gleiche, wenn ich sage,
ich bin Feminist.

 

Das hat NICHTS zu sagen

Heute zum ersten, aber - so hoffe ich wenigstens - nicht zum letzten Mal: ein Text von meinem guten Freund seit Jahrzehnten, Erwin Faller. Er schreibt meist kurze Texte, mal Gedichte, mal sind es Aphorismen, ganz selten auch mal etwas längere Arbeiten.

Hier, zum Einstand, ein Gedicht:

SCREENSHOT

Manche
Manche wissen nicht mehr weiter
Manche mögen lieber schreien
Manche wollen Bomben schmeißen
Manche haben volle Nasen
Manche könnten bloß noch kotzen
Die Zahlen wachsen derer, welche
schon ein nahes Ende sehen
dieser Demokratie

Die meisten
Die meisten lassen andre reden
Die meisten zucken mit den Schultern
Die meisten flüchten ins Private
Die meisten haben keine Ahnung
Die meisten wussten es schon immer
Die Zahlen dieser meisten waren
einst und immer nur die größten
in der Demokratie

Einige
Einige sind bleibend hoch zufrieden
Einige genießen Privilegien
Einige bestimmen Weg und Ziele
Einige verachten die Verlierer
Einige sind stolz und stets nur wenige
Die Zahlen dieser wenigen, sie
wachsen schnell und immer schneller
in dieser Demokratie

Andere
Andere aber geben noch nicht auf
Andere aber wollen sich noch wehren
Andere aber organisieren Proteste
Andere aber nutzen die Medien sozial
Andere aber wagen noch Hoffnung zu haben
Die Zahl dieser anderen ist noch
klein, aber sie könnten die wichtigsten sein
in der Demokratie

Manche kann man verstehen
Die meisten sind nicht mehr zu erreichen
Einige machen wütend und wecken Aggressionen
Die anderen aber werden gebraucht, heute
in der Demokratie