NICHTS ist normal

Wir haben den 26. April 2021. Montag. Ich sitze im Café, in meinem Stammcafé in Senigallia. So wie früher. Alles ganz normal. Nur dass ich jetzt die Maske abnehmen muss, ehe ich in diese leckere Brioche beißen kann, dieses Croissant auf italienisch, und den ersten Schluck Cappuccino dazu trinken.

Aber sonst ist alles ganz normal. Außer dass ich jetzt im Freien sitzen MUSS. Drinnen ist geschlossen. Trotzdem ein großer Fortschritt: bis gestern waren Cafés und Ristoranti ganz geschlossen. Seit Wochen, seit Monaten. Brioche und Cappuccino gab es zwar, aber im Pappbecher und draußen vor der Tür. Ging ja auch, irgendwie. Wenn es nicht gerade regnete. So wie jetzt: dunkle Wolken kommen vom Apennin her. Ich hoffe, es regnet nicht gleich. Dann müsste ich leider weg von hier.

Aber sonst ist alles ganz normal. Die Politik zum Beispiel auch. Das heißt hier in Italien… aber das zu erklären würde zu lange dauern. Nehmen wir Deutschland. 2021 ist wieder ein Jahr mit ganz vielen Wahlen. In Kommunen, in Ländern und im Bund. Ganz normal. Nur dass die CDU/CSU nicht mehr vorne liegt. Und keine Volkspartei mehr ist. 30 % der Wähler*innen sind nicht das Volk. Dabei hat die Union ihren Kanzlerkandidaten unter zwei gleich phantastischen Kandidaten auswählen müssen. Die waren, jeder auf seine Art, so gut, dass es wochenlang dauerte, ehe sich die beiden Parteien, ganz ruhig und entspannt, einmütig und einsichtig für den besten unter den beiden guten entscheiden konnten. Ganz normal. Nur: der nächste Kanzler kommt nicht selbstverständlich aus den Reihen der demokratischen Christen; die nächste Kanzlerin sowieso nicht. Das ist nicht normal, weder noch. Aber gut so, finde ich.

Kanzler wird auch von der SPD wahrscheinlich keiner. Kanzlerin schon gleich gar nicht. Das ist ganz normal, seit längerem schon. Angefangen hat es damit, dass der Gerhard Schröder ins Beraterteam von Putin gewechselt ist und auch dort seinen Mann steht. Seither ist die fortschrittliche Partei ihren mannhaften Weg konsequent fortmarschiert. Kleine Irrwege wurden schnell korrigiert. Andrea Nahles war zum Beispiel so einsichtig, dieser Entwicklung nicht lange im Weg herumzustehen. Der Erfolg gibt den sozialen Demokraten Recht, sie wissen: jetzt wird wieder ein richtiger Mann von ihnen Kanzler, Olaf Scholz. Vielleicht. Wenn in diesem Spiel nicht doch noch die Wirecard sticht. Oder die SPD nur auf 17,83 % kommt, bei den Wahlen in Herbst. Was ja doch immerhin ein bemerkenswerter Zuwachs wäre.

Aber sonst ist alles ganz normal. Außer dass auch die Grünen jetzt zum ersten Mal ins Kanzleramt streben. Mit Annalena Baerbock als Kandidatin. Ja aber wo sind wir denn?! Grün und Frau, das ist echt too much für Machos. Also für die große Mehrheit der wahlberechtigten Männer. Das werden sie der Annalena Baerbock schon noch zeigen. In den nächsten Monaten.

Überhaupt: ich finde, es reicht. Was übrigens keine neue Erkenntnis meinerseits ist. Sie ist heute genau ein Jahr alt. Am 26. April 2020 habe ich ein NICHTS veröffentlicht unter dem Titel „Es reicht“. Da war schon abzusehen, dass fortan unsere Normalität eine „neue Normalität“ sein würde. Und wie sie aussehen würde. Daran hat sich nicht viel geändert. Auch heute werden weiterhin die „Öffnungsdiskussionsorgien“ praktiziert, welche die Kanzlerin damals so empört haben, mit immer mehr Beteiligten und neuen Ideen. Von Wissenschaftler*innen, Ethiker*innen, Künstler*innen, Journalist*innen, Ärzt*innen, Philosoph*innen und vielen anderen *innen mehr. Und dazu von einer großen Zahl von Kreuz- und Querdenker*innen. Welche bekanntlich als einzige durchblicken und ganz genau wissen, dass diese Corona-Pandemie-Geschichte nur eine mehr oder weniger satanische Erfindung ist. Dass die Zahl unaufhörlich zunimmt der langsam, elend, schmerzhaft und einsam Verreckenden, können sie ja nicht wegquerdenken. Aber schließlich müssen alle mal sterben. Sagen sie.

Alles ganz normal. Neu normal. Auch dass ich jetzt, weil es hier draußen angefangen hat zu regnen, drinnen bezahle, als einziger noch verbliebener Gast inzwischen. Dass ich jetzt dann meine Maske aufsetze und mein Café verlasse. Das einzige, was nicht normal ist: dass es jetzt diese Verimpfung gibt. Mit ein paar Problemen, mit denen wir Deutschen ganz viele unserer Nachbarn in Europa zum Staunen bringen. Das hätten sie nie gedacht von uns. Am Ende der Verimpfung wird dann aber wieder alles ganz normal sein. Weil wir dann eine einzige große Herde sein werden. Wird uns versprochen.

Aber ich glaub das noch nicht. Es wird so manches neu normal sein, was es bisher noch nicht gab. Die Herde muss ja betreut werden. Das machen dann – so wie jetzt schon – die Produzenten der Dosen. Der Impfdosen. Und die Männer, die diese Geschäfte vermitteln. Das müssen nicht unbedingt alles Abgeordnete sein und nicht alles Christenunionisten. Aber die sind halt am nächsten dran an den Töpfen, aus denen sich Millionen Dosen Gewinn schöpfen lassen. Das ist dann neu normal. Na gut: nicht so ganz.

Eins jedoch nehme ich mir fest vor: NICHTS wird wieder ganz normal sein. Und bleiben.

Ungewöhnlich fröhliche Ostern!

Sie warten neugierig auf NICHTS, schon ziemlich lange? Ich grüble ergebnislos an NICHTS herum, schon sehr lange. Immer wenn ich denke, jetzt hab ich einen satirischen Vorschlag für unsere Ministerpräsident*innenkonferenz mit der Kanzlerin, was sie vielleicht auch noch machen könnten, um die Verwirrung und den Frust im Volk zu steigern – schon tauchen die drei von der Schwankstelle bei der Pressekonferenz auf und verkünden allen Ernstes genau das. Es ist zum… (bitte hier selber ausfüllen).

Aber dann, am Karsamstag, kommt ein Lichtlein her, von ganz von oben, direkt unterm Himmel: der Bundespräsident bringt die Erleuchtung. Wir sollen raufen. Wunderbar! Ich fühle mich zurückversetzt, weit weit zurück in meine ganz frühe, unschuldige Jugendzeit. Da durfte ich der Bewegung der Jugend angehören, der protestantischen Variante. Und durfte mitsingen, ganz viele schöne Lieder, nicht nur fromme, auch sonst lustige und sogar sehr aufmüpfige Lieder. Eines, das wir immer wieder besonders gern laut erschallen ließen, war „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“. Und ich hab mich besonders über die Zeile gefreut: „…und wollen mit Tyrannen raufen“. Wir Jungs – in meiner Gruppe waren wir zu acht – haben ja auch gerne gerauft. Das gehörte einfach dazu. Später dann, so im Alter von 20 an aufwärts, nicht mehr. Da setzte man sich gegebenenfalls zivil und verbal auseinander. Ich hab das schon manchmal bedauert, weil ich gerne mein Gegenüber zusammengerauft hätte.

Und jetzt, jetzt sagt mir der Bundespräsident – der Bundespräsident, nicht ein x-beliebiger eifersüchtiger 30jähriger! – wörtlich: „Raufen wir uns alle zusammen, liebe Landsleute! Holen wir raus, was in uns steckt.“ Ha! Da bin ich doch voll dabei! „All die Appelle zu Geduld und Vernunft und Disziplin werden stumpf in diesen zermürbenden Zeiten“. Wie wahr! Scharf, nicht stumpf, sind eben Ungeduld, Unvernunft und Disziplinlosigkeit. Nicht übertreiben, klar! Nicht einander totschlagen, mit Argumenten, einfach nur raufen. So wie richtige Jungs eben. Oder auch ich – da hole ich doch gern raus, was in mir steckt!

Übrigens, höchstvorsorglich sage ich es, wenn ich eben des Geyers schwarze Haufen zitiert habe und gerne auch mit so manchem unserer Regierungschefs raufen würde – damit sage ich nicht, dass es sich um Tyrannen handelt! Außerdem, das sagt der Bundespräsident auch, ist es nicht mein Job, mit denen „da oben“ zu raufen. Er spricht zu uns, völlig richtig: „So wie die Pandemie Ihnen viel abverlangt, dürfen Sie auch viel von der Politik verlangen. Ihre Erwartungen an die Regierenden ist klar: Rauft euch zusammen!“

Immerhin, da gibt es schon die richtigen Anfänge: wir sehen es doch ganz schön, wie die Regierenden sich raufen, und sind nicht nur die schwarzen Haufen. Jeden Abend in den Nachrichtensendungen. Und jeden Morgen in den Tageszeitungen.

Danke, Herr Bundespräsident Steinmeier! Fröhliche Ostern auch Ihnen!

Grandios! Einfach großartig!

Eigentlich wollte ich mit diesem NICHTS noch warten. Ende nächster Woche werde ich vermutlich einige Erfahrungen mehr haben. Von denen ich ein paar vielleicht mitteilen könnte, wenn ich wollte.

Aber dann kam dies hier:

BERLIN.  Hartz-IV-Empfänger erhalten wgen der Corona-Pandemie einen Zuschuss von 150 Euro, entschied nun der Bundestag.

Grandios, diese selbstlose Idee der Regierung von Anfang Februar, jetzt auch beschlossen vom ebenso fürsorglichen Bundestag. Toll, dachte ich. Da werden sich viele Länder der EU aber wundern. Sie werden staunen. Sie werden sich ärgern, dass sie nicht selber auf diese Idee kamen. „Die Einmalzahlung in Höhe von 150 Euro erhalten alle erwachsenen Personen, die im Monat Mai 2021 einen Anspruch auf Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) haben“ (Zitat Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg). Und wer Nachwuchs hat, ist noch besser dran: pro Kind ebenfalls 150. Das wird vielleicht ein Mai, für all diese Menschen! Die zwei läppischen Monate kann man doch durchhalten, ne?

Nach der ersten freudigen Erregung überfiel mich aber das Nachdenken. Ist das nicht ein bisschen zu viel? Hätten nicht auch 103 € gereicht? Unsere Staatskasse ist doch schon sehr, sehr belastet mit diesen ganzen Unterstützungszahlungen, vor allem an die großen Unternehmen, damit sie die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Und ihren Chefs die Bonusse auszahlen können.

Aber nein, hab ich mir schnell gesagt, aber nein! Überleg mal, hab ich mir gesagt: was machen denn die ganzen Empfänger*innen mit dem 150er-Zaster? Na klar: sofort ausgeben. Wofür auch immer, vielleicht ein neuer PC (gebrauchte gibt’s schon ab 100 €!), vielleicht ein schicker Sommermantel, vielleicht auch nur ein schönes Essen im Lieblingsrestaurant – bitte? Achso, richtig, die Restaurants sind ja zu, auch im Mai vermutlich, infolge des bleibenden Lock-Down-Syndroms. Aber egal. Das alles kurbelt doch die deutsche Wirtschaft ganz jesesmäßig an. Schließlich leben in Deutschland im Jahr 2021 laut Statista 3.818.968 von Hartz IV. Das summiert sich.

Und wenn nicht? Wenn sich die eine oder der andere Arbeitslose sagt: ach nee, wer weiß, ich warte lieber, bis wieder alles normal wird. Und dann? Ja dann wird mit der Kohle das gleiche gemacht: sie wird verheizt, für all die schönen Dinge, die sich Hartz-IV-Empfänger*innen wünschen und damit leisten können, wenn sie die 150 Kröten aufgehoben haben. Und die deutsche Wirtschaft wird sowas von angekurbelt. Wie eine alte Nähmaschine.

Also: eine großartige Idee! So grandios, dass ich damit einfach nicht warten konnte, sie zu bejubeln. Und für das nächste NICHTS fällt mir schon noch was ein.

Titel? – Heute mal ohne. Geht auch.

Wie schnell so ein Monat vergeht. Fast so schnell wie die letzten 20 Jahre. Meine letzten 20 Jahre. Umgekehrt dauert manches endlos lang. Zum Beispiel bis Corona weg und die alte Normalität wieder da ist. Oder auch manches ewig lange Treffen der Kanzlerin mit den 16 Ministerpräsident*innen. Bei dem dann doch wieder nur die neue Normalität rauskommt.

Es ist eben alles relativ. Das weiß ich auch. Über hundert Jahre ist es her, dass Einstein seine Theorie veröffentlicht hat: Es hängt alles von der Beobachterperspektive ab. Ein Beispiel: von meiner Perspektive aus gesehen ist Friedrich Merz recht extrem rechts. Von seiner Perspektive aus ist er in der Mitte der CDU. Das wäre schlimm, wenn es so wäre.

Aber zurück zur Zeit. Das Schlimmste, was uns mit der Zeit passieren kann, ist, dass wir zu viel davon haben und zu wenig, was wir damit anfangen können. Bevor mir das passiert, schaue ich schnell bei Wikipedia nach und lerne, was Langeweile ist: das unwohle, unangenehme Gefühl, das durch erzwungenes Nichtstun hervorgerufen wird oder bei einer als monoton oder unterfordernd empfundenen Tätigkeit aufkommen kann.

Da hab ich ja Glück: dieses Jahr 2021 dürfte ziemlich kurzweilig werden. Nein, nicht allein wegen Covid-19. Ich rede von den Wahlen. Von den vielen Tages-Wahlen: Kreistage, Landtage, Bundestag. Das fängt an am 14. März (Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz) und endet am 26. September (Berlin, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern). Und was bei Covid-19 die Inzidenzwerte sind und die Todesopferzahlen (notabene: das heißt immer „mit oder im Zusammenhang mit“), das sind bei den Wahlen die Meinungsumfragenbestandsaufnahmezahlen. Bitte? Richtig: da gibt es keine Todesopfer. Weder mit noch im Zusammenhang mit. Was die Politik betrifft, sind wir nicht so weit wie die USA, Stichwort Sturm auf das Kapitol, da gab es ja Tote. Bei uns nicht; noch nicht? Sorry, ich bin Optimist und meine: noch lange nicht. Trotz dem versuchten Sturm auf den Reichstag im letzten August. Einen Adolf Trump gibt es in Deutschland nicht. Bitte? Ja, ja, ich weiß: Hitler konnte nicht twittern. Aber gewählt wurde er auch.

Gespannt bin ich, wer neuer Bundeskanzler wird. Nein, hier gilt nicht die immer noch weit verbreitete „Mitgemeint“-Arroganz. Ins Kanzleramt marschiert in jedem Fall ein Mann. Kann ja sein, dass die Grünen sich noch die Entscheidung abquälen, dass nicht Robert Habeck, sondern seine Bundesvorsitzendenkollegin Annalena Baerbock kandidieren soll. Aber selbst wenn – die Grünen haben zurzeit eine schon länger andauernde Meinungsumfragenhochzeit; zu baden-württembergischen Zuständen aber reicht es diesmal im Bund noch nicht. Glaube ich. Leider.

Ebenso gespannt bin ich auch, ob bei den Wahlen im Herbst Olaf Scholz immer noch Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten ist. Oder ob vorher in diesem Wahlpoker die Wirecard sticht und Olaf-Immerheiter passen muss. Und ob die SPD dann die 5%-Hürde zu überspringen schafft. Wäre schön. Mir würde irgendwie irgendwas fehlen, wenn nicht. Gab doch immer was zu lachen. Was macht eigentlich Rudolf Scharping? Ist der noch in der Pool-Position?

Vieles hängt bei alledem dann doch auch wieder von Covid-19 ab. Wer schlussendlich das Überleben schafft. So eine Firma wie die Lufthansa, die mit der spärlichen mit der 9-Millionen – bitte? Na meinetwegen 9-Milliarden – Unterstützung durch den Bund ständig kurz vorm Bankrott steht. Oder ein arbeitsloser Staatsorchester-Geiger in Frankfurt mit 7.000 € für Oktober 2020, die er schon längst verbraucht hat und den weiteren üppigen 7.000 für November, die schon Ende März auf seinem Konto sein dürften. Ich meine: der Geiger kann ja auf der Zeil geigen, da kann er leicht sein Sümmchen für den Monat reinholen, in seinen alten Schlapphut. Das kann der Chef der Lufthansa, Carsten Spohr, nicht. Ich weiß nicht, ob der überhaupt geigen kann. Er will es aber lernen, lerne ich. Erste Fortschritte hat er schon gemacht. Er hat es weiteren 10.000 Mitarbeiter*innen gegeigt, dass sie demnächst auch auf der Zeil ihr Geld holen können.

Übrigens: ich kann von Glück sagen, dass es Corona nicht früher eingefallen ist, auch Deutschland zu überfallen. Etwa um 1968 rum. Da hätte ich wahrscheinlich überhaupt nirgends mehr hin- oder von einem Besuch etwa Italiens nicht mehr zurück nach Hause reisen dürfen. Damals war ich nicht nur nicht systemrelevant, sondern sogar systemkritisch. Und dass ich in vielem so negativ eingestellt war, hat das nur verschlimmert, damals. Heute ist negativ ja was ganz Positives.

Alles unheimlich kompliziert. Überhaupt unheimlich. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass ich möglichst bald sagen kann: wie schnell ist das doch vorübergegangen mit dieser Coronakatastrophe und jetzt gehöre ich nicht mehr zur Über-80-Risikogruppe. Jetzt habe ich die Chance, noch ein paar Jahre lang NICHTS zu machen. Oder sonst was systemrelevantes. 

Ein NICHTS am Ende des Tunnels

Davon ist jetzt die Rede, viele reden davon: man sähe ein Licht am Ende des Tunnels. Des Tunnels namens Covid-19. Aber wieso denn? Selbst wenn ich das schräge Bild vom Covid-19 als einem Tunnel mal durchgehen lasse: in diesem Tunnel ist es überhaupt nicht dunkel. So viel Licht ist nicht einmal auf einer Bühne bei einem Helene-Fischer-Konzert. Hunderte von TV-Scheinwerfern in der ganzen Welt sind ständig auf Covid-19 gerichtet. Und fast noch mehr Mikrofone. Jeder, der will, weiß alles.

Auch ich. Obwohl ich so manches eigentlich gar nicht wissen will. Und mich so manches nervt. Zum Beispiel, dass ich heute zum 4167. Mal gesehen habe, wie ein aktionsgieriges Wattestäbchen in einen demütig geöffneten Mund eindringt oder in ein willig hingehaltenes Nasenloch.

 

 

 

 Und zu diesem Bild jedes Mal ein anderer Text erklingt zum Thema Covid-19, mal informativ, mal mitleidig, mal empört, mal resigniert, mal anklagend, gesprochen „von unserem Korrespondenten“ oder „unserer Redakteurin“ in der ARD, im ZDF, in RTLplus, im Bayerischen Rundfunk, in N24, in SWF 3 und all den vielen weiteren Informationslieferanten.

Und jeden Tag die aktuellen Daten. Huch, schon wieder mehr als gestern, 12.345 Neuinfektionen! Aber von wie vielen Tests? Wenn es 200.000 Tests waren, sind 12.345 relativ wenig; wenn es 54.321 Tests waren, sind es verdammt viele. Die Zahl der Toten „an oder in Verbindung mit Covid-19“ ist immer zu hoch. Und was ist der R-Wert? Die wöchentliche Inzidenz? Selbst wenn man die Grafik lesen könnte, würde man nichts verstehen.

Und täglich die neuen Sendungen. In den Nachrichten die ersten 7 Beiträge. Nach dem Wetterbericht ein „Extra“ oder „Spezial“. Alle Talkshows zu allen Themen, die sich irgendwie mit Covid-19 in Verbindung bringen lassen. „Hat der Intelligenzquotient einen Einfluss auf Ansteckungsgefahr? Dazu heute unser Experte für Hirnresistenz bei Einserjuristen“. Und wieder dabei: Jens Spahn. Oder Karl Lauterbach. Oder Lisa Federle, die erfolgreiche Pandemiebeauftragte aus Tübingen.

Und das gleiche Drama inzwischen beim Thema Impf-. Zu Impf-Termin, Impf-Zelt, Impf-Stoff, Impf-Plan, Impf-Streit, Impf-Panne, Impf-Katastrophe, Impf-Gipfel. Die deutschen Landesfürst*innen angstzittern oder zornbeben und wissen keinen gemeinsamen Weg. Und Angela Merkel leidet unter immer neuen Föderalismus-Schüben, gegen die es bisher noch keine Pillen gibt. Gegen Covid-19 aber gibt es Spritzen.

So sehe ich heute Abend im ZDF den 2467. Oberarm, in welchen eine spitze Nadel hineinsticht. Ich höre aber gleichzeitig, dass der Versuch, einen Impf-Termin zu bekommen, für einen Menschen über 80 so aussichtslos ist wie dessen Wunsch, in Philosophie zu promovieren. Weil es viel weniger Dosen gibt als ursprünglich vereinbart, und die Schuld daran hat niemand, weil diese Schuld ständig von einem zu anderen und dann im Kreis zurück rotiert.

Was kann man lernen aus all diesen Zahlen, Meinungen, Behauptungen, Vermutungen, Verordnungen, Lockdowns und Shutdowns? Wir haben Krieg. Weltkrieg. Den 3. Weltkrieg. Das Corona-Virus überfällt die ganze Erde in unglaublicher Heeresstärke. Tückisch, hinterhältig. Dabei sehen die einzelnen Soldat*innen doch ganz nett aus. 

 

 

 

 

Könnte ein süßes Stückchen sein, mit zierlichen Erdbeerteilchen obendrauf. Ja denkste. Erst mal ist es gar nicht so leicht, diese Krieger zu stoppen, zu isolieren, zu vernichten. Und wenn die Corona-Heeresleitung das mitkriegt, kommen andere Kämpfer, sogenannte Mutanten. Und die sind noch viel gefährlicher. Und unsere Bataillone, mit denen wir uns verteidigen, sind schon rein zahlenmäßig viel zu schwach. Außerdem ist unsere Generalität völlig uneins, was die Strategie betrifft. Die USA, Großbritannien und Israel impfen erfolgreich an vorderster Front, die EU ist auf Platz 15.

Warum ich das alles zusammennöle? Soll das heißen, ich bezweifle, dass es Covid-19 überhaupt gibt?- Im Gegenteil: es gibt viel zu viel Covid-19. – Dass Covid-19 doch irgendwie nicht so schlimm ist? – Im Gegenteil: nicht zuletzt durch die neuen Mutanten wird es immer noch schlimmer. – Dass die Regierenden zu viel des Guten tun? – Nein: sie tun des Schlechten zu viel: zu viele verschiedene, hilflose, unverständliche Maßnahmen, Halb-Lockdowns, Radikal-Lockdowns, gelockerte Lockdowns. Zu viel Geld an die falschen Adressaten. – Dass die Bevölkerung, also wir alle zusammen, so sehr eingeschränkt und gegängelt werden, was gar nicht nötig wäre? – Im Gegenteil: zu viele Halbheiten, Unklarheiten, Veränderungen der gerade verkündeten Vorschriften. Was alles die Infektionszahlen nicht senkt, und wenn doch, die angstschürende Verkündung, dass sofort die dritte Covid-19-Welle über unser Land schwappen werde, wenn nicht…

Da bleibt der Rudolf aus dem Erdgeschoss doch bei seiner gefestigten Überzeugung und sagt: Ich kenne meine Skatbrüder seit 40 Jahren, die hatten noch nie sowas und ich bin sicher, die haben auch kein Covid. Auch der Paul nicht, auch wenn seine Frau Kassiererin bei REWE ist. Die passt schon auf. Wozu also blöde Masken bei unserem wöchentlichen Treffen?

Also: Was tun? Hier hilft auch Lenin nicht. Aber ein bisschen was könnte es bringen, nicht solche nebligen Aussagen im Brustton der Überzeugung rauszuposaunen, wie eben diese Phrase vom Licht am Ende des Tunnels. Was es geben wird, wenn ich es erlebe, ist höchstens ein NICHTS am Ende des Tunnels. Welcher wie gesagt, eigentlich überhaupt kein Tunnel ist.

NICHTS macht Hoffnung

Ein gutes Neues Jahr 2021 wünsche ich allen, die NICHTS lesen, und mir selber auch. Die Hälfte ist schon rum. Vom Januar, nicht vom Jahr. Leider.

Es könnte ja alles so schön sein…

Wenn jetzt nämlich schon Anfang Juli wäre, ginge es uns besser. Dann wären wahrscheinlich schon 11 % der Deutschen gegen Covid19 verimpft. Weil die inzwischen 17 verschiedenen Impfstoffe eine fröhliches, erstaunliches Tempo der Behandlung mit einem derselben erzwungen haben. Und weil deshalb die Groko, trotz allem aktuellen Wahlkampfgetöse noch nicht ganz zerbröselt, aus fürsorglicher Hilflosigkeit für das deutsche Volk den totaltotalen Lockdown gelockert hat. Wir dürfen jetzt drei Freunde verschiedenen Geschlechts (zusammen mit einem nicht mehr als 4 Jahre und 7 Monate alten Kind) von 13.00 bis 17.15 Uhr in einem Tannenwald treffen. Wenn dieser nicht mehr als 14,7 km von unserem Wohnort entfernt ist. Und wenn wir außerdem durch eine stets mitzuführende quasi eidesstattliche Selbstbestätigung (Vorbild: Italien) nachweisen können, dass unsere eigenen Kinder, jedes, an einem eigenen PC mit Windows 10 und ohne Twitter die Hausaufgaben machen. Die Anschaffung dieser Rechner hat auch den weiteren Abschwung der deutschen Wirtschaft entscheidend gebremst. Vor allem durch die enorme Steigerung der Importe. Aus China.

Wie man sieht: es geht uns gut!

Auf Grund dieser erfreulichen Entwicklungen, die auch der seit kurzem neue Vorsitzende der CDU Fritze Merz (der bisherige, seit Januar, hat entnervt aufgegeben) – die also der Merz zu seinem Leidwesen nicht zumindest abmildern konnte, geht es uns also richtig besser als es sein unbedingt müsste. Wir können sogar wieder, mit unseren aktualisierten Impfpässen, Urlaub machen. In einem der drei Nichtrisiko-Gebiete Maurizius, Island und Württemberg-Hohenzollern. Bis zu 14 Tagen. Die 15 Tage Pflicht-Quarantäne nach der Rückkehr gelten zur Hälfte als unbezahlter Posturlaub. Das hat Wirtschaftsminister Altmaier durchgesetzt. Um BMW zu retten.

In diesem ausreichenden und schönen Jahresurlaub, in der Sonne und am Strand (in Württemberg-Hohenzollern am Bodensee) haben wir dann auch Zeit und Muße, über das unvermeidliche Herannahen der nächsten Pandemie nachzudenken. Es ist bis dato zum Glück noch nur eine Epidemie: der Trumpismus. In dem Land, wo er ausbrach, den USA, ist er schon weit entwickelt. Auf den überraschenden Tod von Joe Biden folgte bekanntlich Kamala Harris nach. Sie wurde drei Monate später von einem Politschamanen ermordet. Weil sie auf einem Sommercamp der Demokraten in Ohio irgendwas von einer Constitution geschwafelt hatte.

Andere Teile der übrigen Welt hat der Trumpismus längst infiziert, befördert durch solche unwiderstehlichen Führungsfiguren wie Bolsonaro, Erdogan, Orban, Salvini, Le Pen, Höcke oder Beatrix von Storch. Versuche, den Trumpismus einzudämmen, z.B. durch die Verimpfung von Mitteln in kleinen Dosen (natürlich nicht aus Blech, Mann!) wie Demokratie-1776 oder Verfassung-1948.2 blieben erfolglos. Vor allem wegen der tsunami-artigen Verbreitung der (sogenannten) sozialen Medien. Welche u.a. die so beschimpften „Mainstream-Medien“ zunehmend und entscheidend schwächten.

Leben im Hier und Jetzt

Ja, ja, so wird das alles sein, nach dem halben 2021. Wir haben aber, wie gesagt, erst Mitte Januar. Da sind andere Dinge zentral und spannend.

Ob Biden wirklich inauguriert wird nächste Woche, am 20. Januar. Oder ob es den nicht grundlos befürchteten Aufstand gibt, angeführt von von hochbewaffneten Milizen und sonstigem Mob.

Oder wer CDU-Chef wird, morgen, bei dem virtuellen Parteitag. Ich will ja nicht hoffen… obwohl die Hoffnung zuletzt stirbt… na egal.

Oder ob die italienische Regierung Conte wirklich endgültig zerbricht, am kommenden Dienstag, bei der entscheidenden Abstimmung. Oder ob der 1%-Mann Renzi es doch schafft, seinen unbegreiflichen Supersoloegoismus durchzusetzen.

Ob Spanien jemals wieder dem Polarkreis entrinnt oder, dem Klimawandel vorauseilend, ein weiteres Grönland wird. Grön-land, nicht Grünland. Das sind alles doch alles auch ganz nette Erwartungen, oder nicht?

Also, bis danach: erst mal ein frohes Wochenende. Und eine ebenso gesegnete nächste Woche. Und dann – na, warten wir’s ab!

Sehr bedauerlich, alles!

Sehr sehr traurig, dieses Weihnachten, demonstrationsfeindlich, atemverhindernd (Masken!), partyphob. Aus reinem Hass gegen die einzig vernünftigen VerquerDenker und Theorematiker aller plausiblen, unwiderlegbaren Verschwörungen in dieser Welt und im Jenseits. Die tun mir alle sooo Leid. Aber ich schwör: da kann ich nix dafür!

Wofür ich etwas kann: ich bedauere zutiefst alle, denen in diesen schweren Tagen NICHTS gefehlt hat. Das lag allein an mir. Aber ich kann das ändern. Und ich will das ändern. Und ich werde das ändern. Vielleicht noch in diesem Jahr. Garantiert im nächsten. Auf NICHTS verzichten soll meinetwegen niemand!

Ein schönes, knallfreies dafür alkoholreiches Silvester! Und immer an Kretschmann denken: Leute, bleibt zu Hause! Und möglichst kontaktlos!

Sonntags NICHTS (1)

Am Sonntag, 13.12.2020, dem 3. Advent, kurz nach High Noon, ereilt mich die Nachricht:

Totaler Schock-Down für Deutschland!!!

Nachdem selbst die beeindruckende Kurzvideo-Serie der Bundesregierung nichts geholfen hat (nur NICHTS hat das etwas gebracht), haben Kanzlerin Angela Merkel und die Damen und Herren Ministerpräsident*innen der Bundesländer gnadenlos zugeschlagen. Wieder gibt es zwar eine lustige Reihe verschiedenster Ermahnungen, Vorschriften und Tipps für (nicht) todsichere Verhaltensweisen. Die ganze Chose aber hat ein Mann total großartig zusammengefasst, in einem einzigen, kurzen Satz, den sich jede(r) ganz leicht merken kann:

Leute, bleibt zu Hause, es sei denn, ihr müsst etwas erledigen, das wichtig ist! *)

Wem das gelungen ist? Richtig: dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, dem Herrn Winfried Kretschmann. Diesem Appell kann sich nicht nur die große Mehrheit der Deutschen anschließen, die schon bisher die strengen Maßnahmen befürwortet hat (ob die Zustimmer*innen sie dann auch selbst befolgt haben, weiß man nicht). Nein, das akzeptieren auch die Kreuz- und Querdenker (ihre Freund*innen von den rechtsextremen Horden natürlich nicht), und die intelligenzstrotzenden Verschwörungstheoretiker auch. Sie haben ja immer jemanden oder was zu erledigen, was wichtig ist und weshalb sie nicht zu Hause bleiben können.

Falls es doch noch Menschen gibt, die nicht wissen, was im die neuen Maßnahmen im einzelnen bedeuten, hier meine Ergänzungen:

  • Leute, haltet Abstand, es sei denn, ihr müsst jemand küssen.
  • Leute, tragt Masken, es sei denn, ihr habt schon die Nase voll.
  • Leute, macht die Fenster auf, es sei denn, ihr lebt unter einer Brücke.
  • Leute, verhaltet euch hygienisch, es sei denn, ihr wisst nicht, was das ist.
  • Und schließlich: Leute, nehmt euch das alles zu Herzen, weil schließlich die Hütte brennt (Zitat Angela Merkel) und das Virus nicht katholisch ist (Dietmar Bartsch).

So viel für heute von mir. Und wie gesagt, von der Kanzlerin und Co. gibt es wieder einen ganzen Sack voll weiterer Einzelheiten. Die kann man nachlesen in den Internet-Nachrichten, kann versuchen, sie zu verstehen, sie dann auswendig lernen und schließlich befolgen.

Weitere wichtige Informationen aus der großen weiten Welt, die es ja auch noch gibt, besprechen wir demnächst. Zum Beispiel die furchtbare Nachricht, dass Melanie Trump dem ohnehin schon so traurigen US-Präsidenten mit der Scheidung droht. Schrecklich. Erst die Wahlen verlieren, dann auch noch die Frau. Einziger Trost, die 400 Millionen $, die er bereits als Spenden eingesackt hat. Von wem und wofür auch immer. Wäre mir auch egal, wenn ich den Zaster hätte.

Und damit: frohen Rest-Advent und Tschüss!

*) Ich finde übrigens, dieser Kretschmann-Satz sollte nicht nur als „Zitat der Woche“ in die Annalen eingehen; er ist im Grunde das „Zitat des Jahres 2020“